„Shoah. Wie war es menschlich möglich?“ – Ausstellungsrezension

von Michael Hollogschwandtner

Aktuell ist diese von MitarbeiterInnen der Gedenkstätte Yad Vashem kuratierte Ausstellung im Hauptgebäude der Universität Wien zu sehen, ergänzt um einen Österreich-Teil, dessen Erarbeitung von Brigitte Bailer-Galanda und Oliver Rathkolb wissenschaftlich begleitet wurde. Die Leitung für Österreich hat Milli Segal inne, die auch Ausstellungsführungen anbietet.(1) Im Folgenden wird insbesondere diskutiert, wie die im Titel aufgeworfene, hinsichtlich des ,Zivilisationsbruchs Auschwitz‘ zentrale Frage in der Ausstellung beantwortet wird.

Der von Yad Vashem erstellte Teil der Ausstellung widmet sich auf 19 Tafeln insbesondere der schrittweisen Entrechtung von Juden und Jüdinnen im NS-Regime. Dadurch kann gezeigt werden, dass es sich dabei nicht um ein monolithisches Geschehen handelte, sondern, wie es Raul Hilberg formuliert, um einen „Prozeß aufeinanderfolgender Schritte […] die auf Initiative unzähliger Entscheidungsträger innerhalb eines ausgedehnten bürokratischen Apparats ergriffen wurden“, die schließlich ihren schrecklichen Höhepunkt in der Shoah fanden.(2) Sowohl die Beteiligung von Wehrmacht und Polizei als auch die Unterstützung der Mehrheitsbevölkerung für die vielfältigen antisemitische Maßnahmen werden thematisiert. Unerwähnt bleibt dagegen die Tatsache, dass die staatlichen Ausgrenzungsmaßnahmen auf eine genaue Definition jener Gruppe angewiesen war, die fortan als „Juden“ bezeichnet und verfolgt wurden.(3) Bei der Zuschreibung „Jude“/ „Jüdin“ waren gemäß den „Nürnberger Gesetzen“ Religiosität, Verhalten oder sonstige vermeintliche oder tatsächliche Eigenschaften der Betroffenen unerheblich. Es handelte sich um eine rassistische Zuschreibung durch das NS-Regime selbst. Antisemitismus hat ursächlich nichts mit realen Juden/ Jüdinnen zu tun, sondern liegt in den AntisemitInnen begründet. Mit Jean-Paul Satre gesprochen: „Es zeigt sich, daß der Antisemitismus […] von keinem äußeren Faktor herstammen kann. Der Antisemitismus ist eine selbstgewählte Haltung der ganzen Persönlichkeit, eine Gesamteinstellung nicht nur dem Juden gegenüber, sondern auch den Menschen im allgemeinen, der Geschichte und der Gesellschaft gegenüber.“(4)
Darüber hinaus widmet sich die Ausstellung auch den Themen Widerstand, sowohl von Juden und Jüdinnen, womit vermieden wird, die Opfer der Shoah als rein passiv darzustellen, als auch von Nicht-Juden und -Jüdinnen, den Gerechten der Völker(5). Auch die Bedingungen des Aufstiegs der NSdAP werden beschrieben. Dabei kommt die Ausstellung bedauerlicherweise nicht ohne Bezug auf eine Totalitarismustheorie aus, die die altbekannte Gleichsetzung postulieren: „Verschiedene ideologische Bewegungen von links und rechts boten radikale Alternativen zu liberalen Grundwerten an und propagierten totalitäre Konzepte…“.(6) Zynisch, nicht zuletzt angesichts der Singularität der Shoah als Verbrechen des NS-Regimes.

Der Österreich-Teil widmet sich den zentralen Themen des „Antisemitismus in Österreich vor 1938“, vor allem jenem Luegers und Schönerers, sowie „März 1938 und die unmittelbaren Folgen“, insbesondere dem Anschluss-Pogrom.(7) Nur am Rande erwähnt werden Antisemitismus an den Universitäten, was angesichts des Ausstellungsortes überrascht, ebenso wie Kontinuitäten des Antisemitismus bis in die Gegenwart. Im diesem Teil gänzlich unerwähnt bleibt der jahrhundertealte, christliche Antijudaismus, obwohl dieser, ausgehend „vom ersten antisemitischen Vorwurf – dem des Gottesmordes“(8), für das Verständnis der zentralen Zuschreibung an Juden/ Jüdinnen, jene der Allmacht, essentiell ist. Darüber hinaus verschwinden, wie auch empirische Befunde zeigen, frühere Formen des Antisemitismus keineswegs mit dem Entstehen neuerer,(9) was im Fall von Antijudaismus angesichts der nach wie vor bestehenden Relevanz des Christentums (auch) für Österreich wenig verwundert.

Antisemitismus als zentrale Ursache für die Shoah zu benennen ist, bedauerlicherweise, keineswegs eine Selbstverständlichkeit. So wurde etwa im Rahmen der Ausstellung „Letzte Orte vor der Deportation“, die bis November letzten Jahres in der Krypta am Heldenplatz zu sehen war, Antisemitismus kaum erwähnt und stattdessen sadistische Neigungen Einzelner als Hauptursache für die Shoah nahegelegt.(10) Ganz anders bei beiden Teilen dieser Ausstellung. Doch sie bleiben großteils bei einer Beschreibung antisemitischer Zuschreibungen stehen, anstatt eine tiefergehenden Analyse von deren Ursachen und Funktionen, gesellschaftlich wie subjektiv, zu präsentieren. Ohne jenen Ursachen breiteren Raum einzuräumen, bleibt die Antwort auf die im Titel zu Recht aufgeworfene Frage jedoch im Dunkeln.

 

Wanderausstellung

Shoah. Wie war es menschlich möglich?

  1. April – 30. Juni

Hauptgebäude Uni Wien, Bibliotheksgang

 

veröffentlicht in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 2/2018;

 

Anmerkungen

1/ Milli Segal. Agentur für Presse, Public Relation und Veranstaltungsorganisation, online: http://www.millisegal.at/index.php
2/ Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden. Bd. 1. 9. Aufl., Frankfurt/ Main 1999, 56.
3/ Ebd.
4/ Jean-Paul Satre, Betrachtungen der Judenfrage. In: ders., Drei Essays. Frankfurt u.a. 1985, 108-190, hier 113.
5/ Gerechte unter den Völkern ist ein Ehrentitel für Personen, die im Nationalsozialismus ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Juden/ Jüdinnen zu retten.
Yad Vashem, Über die Gerechten, online: https://www.yadvashem.org/de/righteous/about-the-righteous.html
6/ Ausstellungstext
7/ Ausstellungstext
8/ Andreas Peham, Die erste Lüge. Eine psychoanalytisch orientierte Kritik des Antisemitismus. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 2008. Antisemitismus. Wien 2008, 46-69, hier 56.
9/ „Significant percentages of those surveyed across Europe continue to blame Jews for the death of Christ.“ Im Durchschnitt 22% der Befragten, in Österreich 18%. Umfrage basierend auf 5.000 Telefoninterviews in zehn europäischen Ländern, inkl. Österreich.
Anti-Defamation League (ADL), Attitudes Toward Jews In Ten European Countries. New York 2012, 12, online: https://bit.ly/2KYbRun
10/ Michael Hollogschwandtner, „Es lebe unser Österreich!“ Ausstellung „Letzte Orte vor der Deportation“ in der Krypta am Heldenplatz (2017), online: https://bit.ly/2L2eaww

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