„Wir mussten so billig wie möglich sein.“ Vermittlungsarbeit am Wiener Burgtheater

Bild: Wikimedia Commons

Am Burgtheater im ersten Wiener Gemeindebezirk findet nicht nur Schauspiel statt. Jedes Jahr besichtigen auch tausende Menschen, Tourist:innen wie Wiener:innen, im Rahmen von Führungen das historische Gebäude. Versprochen werden „ganz besondere Einblicke in die Architektur, Kunst, Organisation und Geschichte eines der größten und ältesten Sprechtheater Europas.“ Die ehemalige langjährige Vermittlerin Bettina Müller spricht im Interview über die Vermittlungsarbeit an diesem Ort nationaler Repräsentation, über Prekariat, fehlende Wertschätzung und Habsburger-Nostalgie.

Michael Hollogschwandtner: Sie haben im Sommer 2022 ihre Tätigkeit als Vermittlerin am Burgtheater nach über 20 Jahren beendet. Weshalb?

Bettina Müller: Das hatte zwei Gründe: Einerseits finanziell. Der Zeitaufwand hat dem Verdienst absolut nicht mehr entsprochen. Führungen werden generell oft mit nur kurzer Vorlaufzeit gebucht, oft auch am Wochenende, und immer nur so einzelne Stunden. Dann hatte ich eine Führung um 11 Uhr am Vormittag und die zweite um 3 Uhr am Nachmittag. Was will man an so einem Tag noch machen? Verdient habe ich aber nur für zwei Stunden. Mit der Zeit hat mich das aufgerieben. Und keine Krankenstände, Urlaub musste ich koordinieren, und je älter ich wurde, desto mühseliger wurde das für mich. Der zweite Grund, weshalb ich aufgehört habe, war, dass im Burgtheater auf Führungen nicht wirklich Wert gelegt wurde. Wir Vermittler:innen haben ohnehin nie etwas vom Bundesbudget bekommen. Das heißt, die Führungen mussten sich rechnen. Und die geringe Wertschätzung hat sich insofern gezeigt, als dass während der Pandemie nicht einmal auf der englischen Website des Burgtheaters stand, dass keine Führungen stattfinden. Mein Gesamteindruck war, dass wir Vermittler:innen immer nachrangig behandelt werden. Einmal hat man uns beispielsweise kurzfristig gesagt: Dieses Jahr werden im Sommer keine Führungen angeboten. Das waren dann für mich insgesamt 2.000 Euro weniger, so ganz spontan.

Auf der Website des Burgtheaters werden die Vermittler:innen auch nicht namentlich erwähnt.

Genau! Das war auch so ein Punkt. Wir wurden in keiner Publikation je namentlich erwähnt. Trotzdem haben die Leute bei der Führung oft gefragt: „Wie heißen Sie eigentlich?“ Und ich war schon nahe daran zu sagen: „Ich habe keinen Namen im Burgtheater.“  Es wurden nur diejenigen Leute aufgezählt auf der Website und in den Jahresberichten, die fix angestellt waren, und wir waren nie fix angestellt.

Wie waren die Beschäftigungsverhältnisse ausgestaltet?

Wir waren nur tageweise beschäftigt, und der Verdienst ist immer schlechter geworden. Als ich angefangen habe dereinst hat man da recht gut verdient. Ich habe Zeiten gehabt, da habe ich 600 bis 800 Euro im Monat verdient. Es war nie so, dass man davon allein gut leben konnte, aber es war neben meinem damaligen freiberuflichen Job ein sehr gutes Zubrot. Aber als dann die Führungen durch die Klimt-Ausstellung (Klimt an der ,Burg‘) gestrichen wurde, weil es sich nicht mehr gerechnet hat, wurde es immer schwieriger und schwieriger. Dann habe ich mich mit meinen Kolleg:innen – wir haben damals einander ja gekannt – zusammengesetzt und beschlossen: „Wir müssen irgendwie probieren, eine Anstellung zu bekommen. So kann das nicht weitergehen.“ Schließlich wurde uns eine Anstellung versprochen, aber dann ist einfach nichts geschehen. Im Gegenteil, irgendwann waren wir nur noch geringfügig beschäftigt. Dann kam Corona und von einem Tag auf den anderen haben wir alle nichts mehr verdient. Nichts. Keinen Cent. Parallel dazu wurden in einem anderen Bundestheater, in der Oper, die Vermittler:innen angestellt und während der Pandemie wurde ihnen Kurzarbeit ermöglicht.

Die Staatsoper?

Ja, Bundestheater sind Staatsoper, Burgtheater, Volksoper, das Staatsballett, und dann gibt es noch die Werkstätten, Art for Art. Diese Bundestheater gehören einer Holding, und uns wurde gesagt, die Holding sei verantwortlich für die Art, wie die Guides in den Bundestheatern beschäftigt werden. Nur plötzlich hat die Oper ihren Vermittler:innen Kurzarbeit ermöglicht, das Burgtheater nicht.
Meine Kolleg:innen sind dann alle im Laufe des Lockdowns abgesprungen. Kaum sind wieder mehr Tourist:innen gekommen, so ab März [2022], wurden sofort wieder neue Vermittler:innen dazu genommen, sodass niemand mehr als geringfügig verdienen konnte. Dann habe ich beschlossen: Es ist genug!

Welche Auswirkungen hatte diese prekären Beschäftigungsverhältnisse auf Sie persönlich?

Meine Existenz war irgendwie gesichert. Aber wenn ich krank war, musste ich trotzdem arbeiten gehen. Bei Fieber, nicht-ansteckender Krankheit, bin ich selbstverständlich arbeiten gegangen. Außerdem werde ich wahrscheinlich eine Pension von 1.000 bis 1.200 Euro im Monat haben. Damit komme ich existenzmäßig durch, aber wenn größere Ausgaben anfallen, wird’s schwierig. Und irgendwelchen Luxus wie Reisen werde ich mir in der Pension nicht leisten können. Und das verdanke ich zum Teil diesen seltsamen Beschäftigungsverhältnissen im Burgtheater. Als ich ausschließlich im Burgtheater gearbeitet habe, war ich durch diese Beschäftigungsform auch nur an den Tagen, an denen ich gearbeitet habe, kranken-, unfall- und pensionsversichert. Das haben diese tageweisen Anstellungen bedeutet.

Wenngleich ich annehme, dass der finanzielle Mehraufwand für die Teilzeitanstellung von ein paar Personen für eine Institution wie dem Burgtheater budgetär kaum ins Gewicht gefallen wäre…

Die Führungen haben mit dem Burgtheater-Budget ja nichts zu tun. Also die staatliche Förderung ist ausschließlich für die Institution Theater. Auf der Bühne wird immer die soziale Gleichheit gepredigt und hinter den Kulissen, wenn es um eine gerade mal fünf Personen umfassende Abteilung geht, sieht das ganz anders aus. Das heißt, wir mussten so billig wie möglich arbeiten. Ich habe zum Teil riesige Gruppen gehabt bei Führungen. Wir haben uns sozusagen selbst getragen und sind nie eingegliedert worden in das PR-Budget des Burgtheaters. Ausgelagert sind aber nur die Kosten, denn wenn die Führungen Überschüsse produzieren, dann geht das sehr wohl in das Budget des Burgtheaters.
Bei den Billeteuren ist es noch schlimmer. Das sind Leiharbeiter von einer externen Firma, wie in allen Bundestheatern. Da gab es viele Diskussionen diesbezüglich, weil die Leiharbeitsfirma,  G4S, unter anderem Gefängnisse verwaltet und in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen oft in den Medien ist. Diese G4S ist sozusagen das Eintrittsschild der Bundestheater. Bei der 125-Jahr-Feier des Burgtheaters 2013 ist einer der Billeteure auf die Bühne gegangen und hat genau das problematisiert. Der hat seinen Job sofort verloren, aber es wurde durch diese Aktion bekannt. Während der Pandemie hat aber sogar diese Firma ihren Billeteuren Kurzarbeit ermöglicht.

Zu den Arbeitsbedingungen: Gab es durch das Burgtheater organisierte Treffen zum Erfahrungsaustausch der Vermittler:innen oder Treffen zum Kennenlernen?

Nein, das haben wir, als ich meine Kolleg:innen noch gekannt habe, immer selbst organisiert. Und ich habe mein Wissen an die anderen auch immer weitergegeben. Da haben mich andere schon gefragt: „Warum machst du das?! Es ist doch das Burgtheater verpflichtet, ihre Leute weiterzubilden, und nicht du.“ Aber wenn mir eine neue Kollegin Leid getan hat, weil sie zu schwimmen begonnen hat während der Führungen, habe ich ihr trotzdem geholfen, habe ihr sämtliche Unterlagen, die ich in 23 Jahren gesammelt habe, zur Verfügung gestellt, bin mit ihr zu diesem und jenem Ort gegangen, habe ihr dieses und jenes erklärt. Aber das wurde weder ihr noch mir abgegolten. Das haben wir in unserer Freizeit gemacht, damit sie sich nicht blamiert vor den Tourist:innen.
Ich habe auch so angefangen, dass ich die Literatur, die es gab, gelesen habe, zwei Mal mit einem Kollegen mitgegangen bin und dann sozusagen ins Wasser geschmissen wurde: „Schwimm!“ Habe laufend dazu gelernt indem ich Leute, die mir über den Weg gelaufen sind, Dinge gefragt habe, mit Kolleg:innen geredet habe. Teilweise haben uns auch unser Vorgesetzter und die beiden Führungskoordinatoren geholfen, auch mit Informationen. Unser Vorgesetzter konnte außerdem verhindern, dass wir, wenn keine Teilnehmer:innen zu einer Führung kommen, um unsere Bezahlung umfallen.

Sie haben erwähnt, ihr Vermittler:innen habt gemeinsam für euch beschlossen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern müssen. Wie seid ihr vorgegangen?

Wir waren gemeinsam bei der Arbeiterkammer und im Sommer 2017 beim damaligen stellvertretenden Kaufmännischen Geschäftsführer Robert Beutler (er ist seit 2019 Kaufmännischer Geschäftsführer), der uns sogar versprochen hat, uns anzustellen. Dann ist aber einfach nichts geschehen. Abgesehen davon haben wir uns untereinander insofern geholfen, als dass wir Führungen getauscht haben, wenn ein:e Kolleg:in doch nicht konnte. Solange wir ein Team waren, wo alle einander gekannt haben, haben wir uns gegenseitig unterstützt. Es gab einmal den Fall, da war ich ziemlich krank. Das war in der Zeit, wo ich keinen zweiten Job hatte, und ich habe mich ins Burgtheater geschleppt und meine Kollegin hat gesagt: „Ich mach Deutsch und Englisch für uns beide und du bleibst da jetzt sitzen! Du bist nicht in der Lage, eine Führung zu machen.“ Nachher bin ich ins AKH gefahren und hab Antibiotika bekommen. [lacht] Und wir Guides haben uns Informationen weitergegeben, wenn eine:r etwas recherchiert oder entdeckt hat. Dann sind wir eben auch gemeinsam in der Kantine gesessen und haben über dieses und jenes, was die Arbeit betrifft, geredet. Zuletzt kannte ich die anderen Vermittler:innen aber gar nicht mehr. Ich hätte in meiner Freizeit zu den Führungen der anderen gehen müssen, um sie kennenzulernen.

Es ist eine erstaunlich lange Zeit, in der Sie Führungen im Burgtheater gemacht haben. Was hat Sie daran fasziniert?

Vor allem die Leute, für die ich die Führungen gemacht habe. Was ich auch sehr geschätzt habe, war der Kontakt zu den Mitarbeiter:innen des Burgtheaters, die Bühnenmeister zum Beispiel. Mit denen habe ich die Bühnentechnik durchgemacht, die haben mich alle persönlich gekannt. Bei den Besucher:innen fand ich sehr spannend, was für unterschiedliche Leute gekommen sind. Da waren Techniker bei einer meiner Führungen, die danach Kontakt zu den Technikern im Burgtheater gesucht haben. Ich hatte eine Frau aus Paris, die hat mir alle Theaterdetails für Frankreich erklärte und gesagt hat: „Wenn Sie je nach Paris kommen, ich führe Sie durch alle Theater.“ Es waren verschiedenste hochinteressante Leute mit unterschiedlichen Interessen. Ein Kind hat mich einmal gefragt: „Warum gibt es Krieg?“ Ich war überhaupt nicht dafür ausgebildet, darauf eine Antwort zu geben. [lacht] Habe improvisiert. Das wichtigste, was ich gesagt habe, war: „Frag das alle Erwachsenen! Du wirst sehen, welche Antworten du bekommst.“

Das klingt sehr abwechslungsreich.

Ja, es war sehr abwechslungsreich. Wobei schon auch viel Routine dabei war. Die Baugeschichte des Theaters für die Tourist:innen, die eine Stunde Zeit haben, ändert sich natürlich nicht, und das war ein großer Teil der Führungen: Semper und Hasenauer, der Kaiser, Teil des Kaiser-Forums, bla bla bla. Das kam immer wieder. Aber ich habe dann zum Beispiel auch recherchiert, dass das Burgtheater ein Ziegelbau ist und über die Ziegelarbeiter vor dem Ersten Weltkrieg geredet, oder die Funktion des Theaters in der Nazi-Zeit – je nachdem, was die Leute interessiert hat.

Tendieren die Führungen in diesem Prunkbau der Monarchie dazu, die Monarchie zu verklären, Habsburger-Nostalgie zu betreiben?

Teilweise auch, ja, weil dahinter ein Geschäft steht, ganz brutal gesagt. Es gibt auch Leute, die fragen: „War die Sissi im Burgtheater?“, und die die ganzen Geschichten von Katharina Schratt hören wollen, aber ich habe immer versucht, auch andere Aspekte einzubringen.

Sie haben sozialpolitische Themen in Ihre Führungen eingebracht?

Ja, meine Kolleg:innen zum Teil auch. Also die, die sich ausgekannt haben, die, die schon länger dabei waren, haben solche Dinge eingebracht.

Die anderen nicht?

Nein, ich denke nicht, weil die Zeit fehlt. Es ist ja ein enormes Wissen, das man dafür braucht. In 20 Jahren sammelt man einfach mehr Wissen als in zwei.

Sowohl für qualitativ hochwertige Führungen als auch für eine Verbesserung der Arbeitssituation der Vermittler:innen: Welche Änderungen bräuchte es Ihrer Meinung nach im Burgtheater?

Die Einbindung der Führungen ins PR-Konzept, das ist das Um und Auf. Und ich finde, dass die Guides die Möglichkeit haben sollten, die Führungen individuell zu gestalten auf Wunsch der Besucher:innen. Das geht aber natürlich nicht wenn jemand nach zwei Jahren schon wieder weg ist. Woher soll die Person dieses umfassende Wissen nehmen? Solange das nur so als Job gesehen wird, der ein paar Student:innen für ein paar Jahre durchfüttert und nebenbei läuft, solange ist das ein Problem, finde ich.
Aber es geht auch darum, wie mit den Leuten umgegangen wird, nicht nur mit den Vermittler:innen. Es gibt selbst Schauspieler:innen, die geringfügig beschäftigt sind. Mit denen wird auch wirtschaftlich gehandelt. Da gibt es Schauspieler:innen, die verdienen bei den Proben ein paar Monate lang gut und dann haben sie im Monat drei bis vier Aufführungen zu je 300 Euro, verdienen also bestenfalls 1.200 Euro im Monat, und weil sie den Spielplan nicht im Voraus kennen, können sie schwer andere Engagements annehmen. Also auch da hapert es. Wo bleiben die Menschen? Das Burgtheater lebt von den Schauspieler:innen, aber auch die Führungen durchs Gebäude gehören dazu, und auch an der Technik darf nicht gespart werden, auch die Techniker:innen dürfen nicht ausgebeutet werden. Der Trend geht aber in die Richtung, dass die Leute nur instrumentalisiert werden, dass Schauspieler:in auch nur ein Auf-Knopfdruck-Job wird. Und die Führungen werden mittlerweile sowieso als Studi-Job gesehen.

Sie sprechen von der Durchsetzung neoliberaler, prekärer Verhältnisse in den Bundestheatern?

Ja, genau, in den Bundestheatern! In Institutionen, die von Steuergeld finanziert werden.

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