Autonomie? Disziplinierung im neoliberalen Bildungssystem

von Michael Hollogschwandtner

Das Bildungssystem wird gegenwärtig weitreichenden Änderungen unterzogen. Die Durchsetzung der Kompetenzorientierung ist dabei ein wesentlicher Bestandteil. Diese wird allzu oft als pädagogisches Ideal angepriesen – etwa durch das Versprechen von ,Autonomie‘, welche jedoch in dieser Form mit Selbstbestimmung nichts zu tun hat.

homo competens …(1)

,Kompetenz‘ ist DIE vorherrschende pädagogische Zauberformel. Kein Bildungsprogramm kommt mehr ohne sie aus, kaum etwas, das nicht zu Kompetenz werden kann: fachliche, fachdidaktische, bildungswissenschaftliche Kompetenz, pädagogisch-praktische Handlungskompetenzen, Querschnittskompetenzen sowie soziale Kompetenzen sollen etwa Lehramtsstudierenden im Bachelor vermittelt werden.(2) Doch der allseits kompetente Mensch ist auch ausgestattet mit Gender-Kompetenz, interkultureller Kompetenz, kommunikativer Kompetenz, Beobachtungskompetenz, Pluralitätskompetenz („Kompetenz zur Bewältigung ambivalenter, hochkomplexer Situationen“) u.v.m.(3) Der Kompetenzbegriff – als Wissen, Können und Bereitschaft, alles Mögliche zu tun – mitsamt den dazugehörenden Vorstellungen von Lehren und Lernen, Schule und Gesellschaft, hat insbesondere seit Beginn der 2000er Jahre seinen Siegeszug angetreten.(4)

Diese Durchsetzung wurde katalysiert durch die 2001 veröffentlichten Ergebnisse der ersten PISA-Testungen, die ihrerseits im Kontext der globalen Durchsetzung des Neoliberalismus stehen(5) – durchgeführt von einer Organisation, deren Ziel wirtschaftliches Wachstum darstellt.(6) Kurz danach erfolgte die Einsetzung einer ,Reformkommission‘ (Zukunft Schule) 2002, sechs Jahre später schließlich die gesetzliche Festschreibung der Kompetenzorientierung sowie die Einrichtung des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (bifie), welches unter anderem für die kontinuierlichen Kompetenz-Testungen zuständig ist.(7) Die Notwendigkeit zur Kompetenzorientierung liegt für das bifie klar in „der postindustriellen Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ begründet, in der „die Bereitschaft jeder/jedes Einzelnen zu lernen, weiter zu lernen und das eigene Wissen und die eigenen Qualifikationen weiter zu entwickeln von großer Bedeutung [ist], vor allem in Hinblick auf die Arbeitswelt …“.(8)

… im Standortwettbewerb

Das Bildungssystem ist dabei nicht erst seit dem Aufkommen des Neoliberalismus auf ökonomische Verwertungslogik zugeschnitten. Da jedoch die kapitalistische Ökonomie „in den letzten Jahrzehnten unübersehbar in eine neue Phase ihrer Entwicklung getreten“(9) ist, entstand die Notwendigkeit für die aktuellen, weitreichenden Veränderungen. Infolge neuer Technologien geht einerseits der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft kontinuierlich zurück – immer mehr Tätigkeiten können von Maschinen, Computern und Robotern durchgeführt werden –, andererseits kann die verbleibende manuelle Arbeit einfacher denn je in ,Billiglohnländer‘ ausgelagert werden.

Die (noch) nicht automatisierten Tätigkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass zu ihrer Ausübung primär Wissen und Kenntnisse benötigt werden, die nicht formalisierbar sind. Da solche Arbeiten nicht genau vorherbestimmt oder anbefohlen werden können, sind bloße BefehlsempfängerInnen dafür ungeeignet. Es braucht Personal, das imstande ist, spontan auf komplexe Anforderungen zu reagieren, was ein hohes Maß an Eigenverantwortung sowie Identifikation mit der Tätigkeit voraussetzt. Die Arbeitskräfte müssen sich unter Mobilisierung ihrer gesamten Persönlichkeit, mit all ihren „intellektuellen, kreativen, emotionalen … Fähigkeiten in den Verwertungsprozess einbringen – ohne diesen selbst allerdings jemals zu hinterfragen“. Auch ermöglicht nur solches Humankapital die angesichts des verschärften Konkurrenzkampfes immer häufiger zu erbringenden Markt-Innovationen.(10)

Zur Herstellung passender Arbeitskräfte in großem Umfang taugt das herkömmliche, disziplinargesellschaftlich geprägte Verständnis von Lehren und Lernen nicht. Für die neuen Anforderungen ist es nicht mehr zweckmäßig, wenn das „Image des Lernens in der heutigen Zeit“, wie das bifie beklagt, „teilweise zwiespältig“ ist – „oftmals ist es kombiniert mit dem Modalverb ,müssen‘ …“.(11) Da durch die „Gehirnforschung nachgewiesen werden konnte“, dass man „niemandem gegen seinen Willen etwas beibringen“ kann, sondern nachhaltiges Lernen nur funktioniert, wenn das Subjekt es will,(12) braucht es weitgehende Änderungen im gesamten Bildungsbereich, etwa der Unterrichtsmethode, der (Hoch-)Schulstrukturen, der Ausbildung der LehrerInnen etc.

Vom Müssen zum Wollen

Entsprechend diesem Tausch der Modalverben im Dienste der Effizienzsteigerung hat die neue Form des Unterrichts viel zu bieten: Das Subjekt wird scheinbar ins Zentrum der Bemühungen gerückt. Es geht nicht mehr um zusammenhangsloses Wissen, das auswendig gelernt und aufgesagt werden muss, kein passives Ausharren mehr bis zur ersehnten Pausenglocke, sondern um Individualisierung, Anwendung und Aktivität. Lernende sollen ihre eigenen Interessen, so gut es geht, verwirklichen können, LehrerInnen werden zu LernbegleiterInnen ohne autoritären Führungsstil. Auch die Leistungsbewertungen sollen fairer, „treffsicherer“(13) werden, (auch) indem nicht mehr nur zu speziellen Zeitpunkten beurteilt wird, sondern möglichst häufig, unter Verwendung „möglichst viele[r] Methoden und Datensätze“(14).

Habe Mut, dich selbst zu steuern!

Eine neue Führungstechnik ist nötig, damit Lernende ihre Fähigkeiten ohne Anleitung anderer anwenden können. Sich seines Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen, erinnert an die klassische Definition von Mündigkeit – wenn auch für Kant dieses „Räsonieren“ niemanden vom Arbeiten und Gehorchen abhalten soll. Doch diesmal erschöpft sich das Mut-Haben schon in Selbststeuerung. Der Zweck der Zurichtung, maximale Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt, steht nicht zur Disposition, lediglich der Weg dorthin bleibt in größerem Ausmaß den Lernenden selbst überlassen.

Die Affirmation des Kompetenz-Begriffs erfolgt auch über dessen teilweise Anschlussfähigkeit an das Konzept von Bildung. Der Übergang erfolgt unter anderem durch den im Zusammenhang mit der Kompetenzorientierung viel zitierten, verheißungsvollen Autonomie-Begriff.(15) Was hier ,Autonomie‘ genannt wird, also Selbstbestimmung, bezeichnet tatsächlich Selbststeuerung, welche im Bewusstsein permanenter unterschwelliger Kontrolle erfolgt, bei der „jedes noch so kleine Detail, jede Notiz, jeder Entwurf, jeder Versuch zur Grundlage einer Beurteilung gemacht“ wird.(16) Ist im Konzept von Bildung zumindest die Möglichkeit einer Freiheit von Verwertungszwängen enthalten, soll der kompetente Mensch die eigene Verwertung selbstverantwortlich und hochmotiviert mit all seinen/ihren Fähigkeiten betreiben. Für Erfolg wie Misserfolg ist er/sie dementsprechend auch allein verantwortlich. Es ist das „unternehmerische Selbst“(17), das hier herangezogen wird. Gegen diese Form der (Selbst-)Disziplinierung für eine Wiederherstellung vergangener Zustände einzutreten, wäre verfehlt. Vielmehr braucht es ein Bewusstsein der gesellschaftlichen Bedingtheiten dieser neuen Art der Zurichtung sowie der darin enthaltenen Widersprüche, die – weiterhin – ein Denken und Handeln auch jenseits von Verwertung ermöglichen.

leicht verändert veröffentlicht in: Zeitgenossin 1/2018, 36-37.

Anmerkungen

1 Bernd Lederer: Kompetenz oder Bildung: eine Analyse jüngerer Konnotationsverschiebungen des Bildungsbegriffs und Plädoyer für eine Rück- und Neubesinnung auf ein transinstrumentelles Bildungsverständnis (Innsbruck 2014), S. 303.

2 Universität Wien: Mitteilungsblatt 41, 27.06.2016, Allgemeines Curriculum für das gemeinsame Bachelorstudium zur Erlangung eines Lehramts im Bereich der Sekundarstufe (Allgemeinbildung) im Verbund Nord-Ost, online unter (ssc-lehrerinnenbildung.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/s_ssc_lehrerinnenbildung/Studienangebot/BA_Curriculum_ABG_2016.pdf) 20.12.2017.

3 Lederer: Kompetenz oder Bildung, S. 283.

4 Ebd., S. 258.

5 Welcher etwa markiert wurde durch die Gründung einer Welthandelsorganisation (WTO) 1995 und damit verbundenen Abkommen, die Wissen als Ware und Universitäten als Dienstleistungsbetriebe definierten, auf europäischer Ebene etwa durch den Vertrag von Amsterdam (1997), der die Bereiche von Bildung, Kultur und Jugend als Wettbewerb auf einem gemeinsamen Markt subsumiert, die Bologna-Erklärung 1999 mit dem Ziel, „einen kohärenten, kompatiblen und wettbewerbsfähigen europäischen Hochschulraum zu verwirklichen“, sowie die Lissabon-Strategie 2000, welche als Ziel der Union definierte, „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt“ zu werden.

Gerhard Stapelfeldt: Der Aufbruch des konformistischen Geistes. Thesen zur Kritik der neoliberalen Universität (Hamburg 2007), S. 11.

6 Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD); dementsprechend sind die Ziele der PISA-Testungen: „The prosperity of countries now derives to a large extent from their human capital […] All stakeholders – parents, students, those who teach and run education systems as well as the general public – need to be informed on how well their education systems prepare students to meet the challenges of the future.“

OECD: Literacy Skills for the World of Tomorrow. Further Results From PISA 2000 (2003), S. 3, online unter (oecd-ilibrary.org/docserver/download/9603071e.pdf?expires=1514503351&id=id&accname=guest&checksum=842CCE2A0CD620556B365DABD3D731E6) 20.12.2017.

7 FPÖVP hat im Regierungsprogramm festgelegt, das bifie aufzulösen. Dabei scheint es allerdings ausschließlich um eine Änderung der Zuständigkeiten zu gehen.

Zusammen. Für unser Österreich. Regierungsprogramm 2017–2022, S. 62, online unter (bundeskanzleramt.gv.at/documents/131008/569203/Regierungsprogramm_2017%e2%80%932022.pdf/b2fe3f655a04-47b6-913d-2fe512ff4ce6) 30.12.2017.

8 bifie: Kompetenzorientierter Unterricht in Theorie und Praxis (Wien 2011), S. 6 (bifie.at/wp-content/uploads/2017/06/bist_vs_sek1_kompetenzorientierter_unterricht_2011-03-23.pdf) 20.12.2017.

9 Erich Ribolits: Bildung – Kampfbegriff oder Pathosformel. Über die revolutionären Wurzeln und die bürgerliche Geschichte des Bildungsbegriffs (Wien 2011), S. 103.

10 Ders.: Bildung ohne Wert. Wider die Humankapitalisierung des Menschen (Wien 2009), S. 47.

11 bifie: Kompetenzorientierter Unterricht in Theorie und Praxis, S. 6.

12 Karl Andrich: Funktionieren oder Potentiale entfalten? (zukunftschule.at/index.php/zukunft-schule) 20.12.2017.

13 Thomas Stern: Förderliche Leistungsbewertung (Wien 2010), S. 94.

14 Ebd.

15 Lederer: Kompetenz oder Bildung, S. 241.

16 Thomas Häcker: Portfolio: ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen. Eine explorative Studie zur Arbeit mit Portfolios in der Sekundarstufe I (Schul- und Unterrichtsforschung Bd. 3, Baltmannsweiler 2007), S. 101.

17 Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform (Frankfurt 2007).

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